Der 14-Punkte-Plan und die Antibiotikaprophylaxe: was gegen Biofilm und Kapselfibrose nachweislich hilft

Nachsorge & Heilung

Der 14-Punkte-Plan und die Antibiotikaprophylaxe: was gegen Biofilm und Kapselfibrose nachweislich hilft

Seit bekannt ist, dass eine bakterielle Besiedlung der Implantatoberfläche, ein Biofilm, an der Entstehung der Kapselfibrose beteiligt ist, hat sich die Operationstechnik bei Brustimplantaten verändert. Aus vielen Einzelmaßnahmen wurde ein Bündel, das in der Fachliteratur als 14-Punkte-Plan bekannt ist: Handlungsregeln, die die Zahl der Bakterien, die beim Einsetzen an das Implantat gelangen, so weit wie möglich senken sollen. Dieser Beitrag beschreibt, was die einzelnen Punkte bedeuten, wie gut ihre Wirksamkeit belegt ist, wo die Evidenz dünn wird, und welche Fragen Sie Ihrer Chirurgin oder Ihrem Chirurgen dazu stellen können. Er ergänzt unseren Beitrag zu periprothetischer Infektion und Biofilm, der die Mechanismen erklärt.

Woher der Plan kommt

Der 14-Punkte-Plan wurde von einer australischen Arbeitsgruppe um den Chirurgen Anand Deva und Kollegen formuliert und 2013 veröffentlicht, nachdem Labor- und Tierstudien gezeigt hatten, dass Bakterien auf der Implantatoberfläche eine chronische Entzündungsreaktion und damit eine verdickte, sich zusammenziehende Kapsel auslösen können. Die Idee dahinter ist einfach: Die Kapselfibrose lässt sich nicht behandeln, indem man den Biofilm nachträglich entfernt, aber man kann verhindern, dass er entsteht, indem man das Implantat während der Operation so wenig wie möglich mit Bakterien in Kontakt bringt.

Steriler OP-Tisch mit Brustimplantat in Verpackung und Spuelloesung

Die 14 Punkte im Überblick

MaßnahmeZiel
Intravenöse Antibiotikagabe vor dem HautschnittWirkspiegel im Gewebe während der Operation
Kein Schnitt über die Brustwarze (periareolär) als StandardzugangMilchgänge tragen Hautkeime; der Zugang in der Unterbrustfalte meidet sie
Nipple Shields (Abdeckung der Brustwarzen) während der OPVerhindert Austritt von Keimen aus den Milchgängen ins OP-Feld
Sorgfältige, blutungsarme Präparation der TascheBlut und Gewebeschaden fördern Bakterienwachstum
Vermeidung der Verletzung des DrüsengewebesKein Kontakt zu keimhaltigen Milchgängen
Spülung der Implantattasche mit antibiotikahaltiger oder antiseptischer LösungReduktion der Keimzahl in der Tasche vor dem Einsetzen
Wechsel der Handschuhe vor dem Berühren des ImplantatsKeine Übertragung von Hautkeimen
Minimale Berührung des Implantats, Kontakt nur mit neuen InstrumentenJede Berührung ist ein Übertragungsweg
Vermeidung von Kontakt zwischen Implantat und HautHaut ist die Hauptquelle der Keime
Kurze Expositionszeit des Implantats an der LuftWeniger Zeit für Kontamination
Einsetzen über eine Einführhilfe (Insertion Sleeve oder Funnel)Implantat berührt weder Haut noch Handschuhe
Verzicht auf Drainagen, wenn vertretbarDrainagen sind ein Eintrittsweg für Keime von außen
Mehrschichtiger WundverschlussDichte Wunde, keine Verbindung der Tasche nach außen
Antibiotikaprophylaxe bei späteren Eingriffen mit KeimrisikoSchutz des Implantats bei Zahnbehandlungen und anderen Eingriffen; in der Praxis umstritten

Wie gut ist das belegt?

Die Evidenz ist unterschiedlich stark. Am besten belegt sind die präoperative Antibiotikagabe, die als Standard in der Implantatchirurgie gilt, sowie die Beobachtung aus Kohortenstudien, dass die Anwendung des Gesamtpakets mit niedrigeren Kapselfibroseraten einhergeht als historische Vergleichsgruppen ohne diese Maßnahmen. Für einzelne Punkte, etwa die Spülung der Tasche mit bestimmten Lösungen oder den Einsatz einer Einführhilfe, gibt es Studien mit positiven Ergebnissen, aber auch Untersuchungen, die keinen Unterschied fanden; welche Spüllösung die beste ist, ist offen. Für den Verzicht auf periareoläre Zugänge sprechen mehrere Auswertungen, die bei diesem Zugang höhere Kapselfibroseraten fanden, die Effektgröße ist jedoch je nach Studie unterschiedlich.

Zwei Einschränkungen sind wichtig. Erstens handelt es sich überwiegend um Beobachtungsstudien, nicht um randomisierte Vergleiche; der Nutzen des Pakets ist plausibel und wahrscheinlich, aber nicht für jeden Punkt einzeln bewiesen. Zweitens ist der Biofilm nur eine der Ursachen der Kapselfibrose; Blutergüsse, Strahlentherapie, Implantatoberfläche und individuelle Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Ein sorgfältig nach Plan operiertes Implantat kann trotzdem eine Kapselfibrose entwickeln, und die Aussage "bei uns kommt das nicht vor" ist mit keiner Studie zu decken. Was über Ursachen und Grade bekannt ist, fasst der Beitrag zu Kapselfibrose, Ursachen und Baker-Graden zusammen.

Antibiotika nach der Operation und im späteren Leben

Die Gabe eines Antibiotikums vor dem Schnitt ist gut abgesichert. Ob eine Fortführung über Tage nach der Operation zusätzlichen Nutzen bringt, ist nicht belegt; mehrere Auswertungen fanden keinen Vorteil verlängerter Gaben gegenüber der einmaligen Dosis, dafür die üblichen Nachteile von Antibiotika. Viele Fachgesellschaften raten daher zur Einmalgabe und zu einer Fortführung nur bei besonderen Risiken. Der letzte Punkt des Plans, eine Antibiotikaprophylaxe bei späteren Eingriffen wie Zahnbehandlungen, ist der am wenigsten belegte: Es gibt Fallberichte von Spätinfektionen nach Bakterienausschwemmungen, aber keine Studien, die einen Nutzen der Prophylaxe für Implantatträgerinnen zeigen. Die meisten Empfehlungen sehen sie nicht routinemäßig vor; besprechen Sie das mit Ihrer Chirurgin, wenn ein größerer Eingriff ansteht.

Chirurgin setzt Brustimplantat mit einer Einfuehrhilfe ein

Was der Plan nicht abdeckt

Die 14 Punkte betreffen die Operation selbst. Sie sagen nichts darüber, wie sich das Risiko eines Biofilms im späteren Leben verhält. Zwei Situationen sind bekannt: Eine Nachblutung oder ein Serom in der Implantattasche in den ersten Wochen bietet Bakterien Nährboden und gilt als Risikofaktor für eine spätere Kapselfibrose, weshalb solche Befunde früh behandelt werden sollten. Und eine Infektion an anderer Stelle im Körper mit Bakterienausschwemmung ins Blut kann in seltenen Fällen ein Implantat besiedeln; Fieber und eine plötzlich schmerzende, gerötete Brust Jahre nach der Operation gehören deshalb rasch abgeklärt. Für die Rolle von Zahnbehandlungen und kleinen Eingriffen fehlt, wie oben beschrieben, die Datengrundlage; der vorsichtige Umgang lautet, eine anstehende Behandlung mit erhöhtem Keimrisiko der eigenen Chirurgin zu nennen und dann gemeinsam zu entscheiden. Wie Serome erkannt und abgeklärt werden, beschreibt der Beitrag zu Serom und Spätserom.

Fragen für das Gespräch vor der Operation

  • Welche Maßnahmen zur Vermeidung von Biofilm werden bei Ihnen standardmäßig angewendet, und welche nicht, und warum?
  • Welcher Zugang ist geplant, und aus welchem Grund?
  • Wird eine Einführhilfe verwendet, und wird die Tasche gespült, womit?
  • Werden Drainagen gelegt, und wenn ja, wie lange?
  • Wie lange werden Antibiotika gegeben?
  • Wie hoch war die Kapselfibroserate in Ihrer eigenen Nachbeobachtung, und wie wurde sie erfasst?

Eine gute Antwort auf die letzte Frage nennt eine Zahl mit einem Zeitraum und einer Methode; eine schlechte lautet "so gut wie nie".

Wie wir operieren

Bei jeder Implantatoperation wenden wir das beschriebene Maßnahmenbündel an: Antibiotikagabe vor dem Schnitt, Zugang in der Unterbrustfalte als Standard, Abdeckung der Brustwarzen, blutungsarme Präparation, Spülung der Tasche, Handschuhwechsel, Einsetzen mit Einführhilfe ohne Hautkontakt und mehrschichtiger Wundverschluss; Drainagen legen wir nur, wenn ein konkreter Grund besteht. Wir erklären Ihnen im Beratungsgespräch, welche dieser Maßnahmen gut belegt sind und welche auf Plausibilität beruhen, und wir nennen Ihnen unsere eigenen Verlaufszahlen mit ihrer Erfassungsmethode. Weitere Beiträge zu Nachsorge und Komplikationen finden Sie in der Rubrik Nachsorge und Heilung; Fragen stellen Sie über die Kontaktseite.

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